Samstag, 28. Januar 2012

Am Tresen


Am Tresen

Schon von weitem erkannte er ihre wallenden Locken im dichten Gedränge der Heimkehrer. Er liebte sie - vorbehaltlos! Und lehnten sich ihre blonden Haare noch so vehement gegen jeden Kamm auf, umso attraktiver und anmutiger erschien sie ihm. Ihre Gesichtszüge, wie feines Porzellan Doch, sie auf solche Äusserlichkeiten zu reduzieren, dies wurde ihr nicht gerecht; das hatte sie nicht verdient. Auch nicht, wenn er sie dann und wann als sein Püppchen neckte. Etwas Spass durfte er ihrer Ernsthaftigkeit wohl entgegenhalten. Dankbar schloss er sie in die Arme. Wie sehr sie ihm gefehlt hatte und mochten es wiederum nur die zweieinhalb Tage gewesen sein.

Das hektische sonntägliche Gedränge am Flughafen, dann der immer noch dichte Abendverkehr, als er sie jetzt nach Hause fuhr. Diana, in sich gekehrt, hatte auf seine Fragen ungewohnt einsilbig geantwortet und nur Weniges von ihrem Wochenende preisgegeben. Ihr Vater, offensichtlich machte sich sein vorgerücktes Alter unversehens bemerkbar. Vieles, was ihm noch bis vor kurzem mühelos von der Hand gegangen war, begann ihn über Gebühr zu belasten. Erst wenige Wochen waren vergangen, seit er ihre Eltern zum letzten Mal gesehen hatte. Doch damals war viel Hektik angesagt und von Altersbeschwerden noch kaum die Rede gewesen.

Alle Ampeln schienen ihnen die rote Welle zu zeigen. Erst jetzt, als sie wiederum zu warten hatten, nahm er wahr, dass sie nach langem Unterbruch statt der Linsen erstmals wieder ihre Brille trug. Hatte sie geweint oder war sie schlicht nur müde von der Reise? Denn ihre geröteten Wangen und Augen hatte er bemerkt, gleich als sie sich aus der Menschenmenge gelöst und auf ihn zugetreten war. Waren da auch Tränen gewesen?

Unerwartet rasch fand er eine Parklücke und dies zudem noch in unmittelbarer Nähe ihrer Wohnung. Überraschend, dass sie ihn noch bat kurz zu ihr hoch zu kommen. Meist wollte sie nach der Rückkehr von zu Hause jeweils nur noch schlafen, im Bewusstsein dessen, was die kommende Woche an Herausforderungen für sie bereithalten würde.

Geplagt, verunsichert, vielleicht sogar ängstlich. Kommendes Unheil ahnend? Ihren stumpfen Blick, als sie ihm schliesslich an ihrem schmalen Küchentisch gegenüber sass, er würde ihn nie vergessen und erst Jahre später deuten können. Bang, zögernd und dennoch unmissverständlich sprach sie von ihrer tiefen Frustration. Sie brauche Zeit und Abstand. Ruhe, ja, sie müsse sich über vieles klar werden, auch über ihre mittlerweile langjährige Beziehung. Starr ihr Blick, erschöpft, unbestimmt. Lange erst schwiegen sie. Als sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten konnte, stand sie unvermittelt vom Tisch auf.

Sprachlos erst hatte er ihr zugehört. Die verzweifelte Endgültigkeit ihrer Worte! Da gab es nichts zu diskutieren, gewiss nicht mehr. Zu sehr hatten ihn ihre wohlbedacht vorgebrachten Argumente überrollt und verletzt. Seine hilflosen Erwiderungen hatten sie nicht erreichen können. Er griff nach seinen Schlüsseln, gab ihr einen zaghaften Kuss auf die Stirn. Sie war zweifellos nichts als übermüdet. Endlich wieder einmal zu Hause, da hatte sie mit anzupacken gehabt und sich nicht raushalten können. Mehr als einmal hatte er dies ja schliesslich schon miterlebt.

Seine tröstenden Worte, wozu? Sie gingen ins Leere. Sie hatte sich auf ihrem Bett zur Wand gedreht, weinte nun haltlos. Bereits bei Ihrer Wohnungstür angelangt, hatte er sich nochmals nach ihr umgewandt und sie an ihr Mittagessen erinnert; sie trafen sich montags jeweils in der Nähe ihrer beider Arbeitsplätze. Eine eingespielte Gewohnheit, wozu hatte er sie ausgerechnet jetzt noch daran erinnern müssen? Sicher war er sich später keineswegs, ob sie ihn da überhaupt noch wahrgenommen hatte.

Erst auf der Rückfahrt zu seiner Wohnung wurde ihm die Ausweglosigkeit ihrer so jäh gescheiterten Beziehung vollends bewusst. Obwohl Da gab es nichts, was sie beide so gänzlich unerwartet hätte entzweien sollen. Ihre Frustration seinetwegen, wie sie ihm hatte weis machen wollen und dies ausgerechnet jetzt? All das Gemeinsame, was sie verband, sollte nun plötzlich wertlos sein? Sinnlos seine Fürsorge für sie! Wie hatte er um sie gezittert, als der medizinische Eingriff unumgänglich geworden war. Gefühle, Zuneigung, Liebe, mit Füssen getreten. Bedeutungslos! Warum, weshalb?

Ja, ausgerechnet jetzt! Er hätte sich längst entscheiden sollen. Zu lange hatte er gezögert. Nur drei Mal im Jahr war eine Kündigung seiner Wohnung möglich. Noch blieben ihm zwei Tage um dies endlich zu tun. War er nur nachlässig gewesen? Mit Terminen tat er sich Grundsätzlich schwer. Diana hatte ihn oft deswegen auf die Schippe genommen. Doch war es blosse Schlamperei; oder hatte er allenfalls unbewusst gezögert. Morgen musste er Gewissheit haben. Immer wieder hatte sie gedrängt, er möge doch bei ihr einziehen. Doch, ob dies nach heute Abend, ob dies auch morgen noch galt?

Als hätte sie geahnt, dass er Rat und Trost brauchte, stand seine Wohnungsnachbarin im Treppenhaus.  Eben vom oberen Stockwerk heruntergekommen, schien sie ihn erwartet zu haben. Sie war, wie sie sagte, noch kurz bei ihrer Freundin gewesen. Ja, sie kannten sich doch alle hier, waren Freunde, manche sogar etwas mehr als blosse Freunde, in diesem grossen, offenen Haus.

Nicht gänzlich unerwartet für Chantal, dass es zum Bruch mit Diana gekommen war, hatte kommen müssen. Sie erinnerte ihn sachte an seine eigenen Zweifel während der vergangenen Wochen. Diana und er, sie hatten regen Briefverkehr gepflegt. Damals, bei der Rückkehr jedoch von seinem halbjährigen Studienaufenthalt hatte er erstaunt feststellen müssen, dass Diana entgegen ihrer beider Pläne die Ferienvertretung für eine Kollegin übernommen hatte. Sie hatten doch längst ihre Ferienreise vereinbart. Gemütlich, ohne Ziel, einfach drauflos fahren und sehen wollten sie, wohin es sie verschlagen würde. So hatten sie sich dies jedenfalls vorgestellt und noch vor wenigen Wochen hatte sie in einem ihrer Briefe Vorschläge gemacht, wen sie alles würden besuchen können. Vielleicht noch für einige Tage bei ihren Eltern vorbei zu schauen; auch dies hatten sie erwogen.

Ihre Briefe hatten sich meist sogar gekreuzt, und doch waren die ihren mit den Wochen seltener und nichtssagender geworden. Nicht nur ihre, wohl auch seine. Schliesslich hatte er sich eingestehen müssen, dass er weit weniger mit ihr als mit Chantal korrespondierte. Etwas lief unmerklich schief in ihrer Beziehung.

Wie oft hatte Diana in der Zeit vor seinem Auslandaufenthalt ungefragt noch Freundinnen mit eingeladen und aus einem gemütlichen Abendessen zu zweit war wieder einmal mehr nichts geworden. Ihre Unruhe, ihre Hektik zuweilen - manchmal verstand er die Welt nicht mehr. Dann auch ihre fixe Idee nun endlich über ein eigenes Auto verfügen zu wollen. Wie oft und wie bereitwillig hatte er sie doch immer gefahren oder hatte ihr sein Auto tagelang zur Verfügung gestellt. Und, da gab es noch einiges mehr, was ihm an ihrem Verhalten rätselhaft erschienen war.

Bisher war ihm nicht bewusst gewesen, wie gut Chantal über ihre Beziehung Bescheid zu wissen schien. Doch war sie meist auch gleich zur Stelle, wenn seine kleine Welt wieder einmal aus den Fugen zu brechen drohte. Ja, er hatte sich selbst bloss nie eingestehen wollen, wie eigenartig Diana sich ihm gegenüber mitunter gegeben hatte.

Ihr Mittagessen hatte es zwar noch gegeben. Dann jedoch gab es für die Kündigung seiner Wohnung keinen Anlass mehr.

Es tat unendlich weh!

Doch vieles wurde ihm mit zunehmendem Abstand klarer, vieles, worüber er sich meist nur insgeheim geärgert hatte.

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Wirklich erst im letzten Augenblick hatte er sie bemerkt. Dianas ulkige, immer und zu jeglichen Spässen aufgelegte Freundin. Er hätte sie, als sie ihm in der Bahnhofsunterführung entgegenkam, beinahe überrannt. Zwar hatte er einen Termin, würde jedoch ohne Probleme um Weniges zu spät erscheinen können. Denn sie bestand darauf, mit ihm auf eine Tasse Café ins Restaurant um die Ecke zu gehen. Jetzt gleich und auf der Stelle. Ihre Bestimmtheit überraschte. Sie war nicht wieder zu erkennen, als sie jetzt neben ihm am Tresen stand. Ihr Vorwürfe und Vorhaltungen. Schlag auf Schlag. Sogar von Chantal hatte sie bereits gewusst. Ihre Tasse noch immer halb voll, sie hatte bloss daran genippt. Sie hatte ihn kaum ausreden lassen. Wütend hatte sie schliesslich einige Münzen hingeknallt und war verschwunden, bevor er sich noch eingehender hätte erklären können. Missverständnisse? Und, was hätte er ihr darauf erwidern sollen? Was sie ihm vorgehalten hatte, schien ihm im ersten Augenblick reichlich an den Haaren herbeigezogen. Nein, einer Schuld war er sich nicht bewusst. Diana hatte schliesslich Schluss gemacht. Ihm jetzt noch unbegreiflich warum! Sie war es gewesen, nicht er!

Das verrückte Huhn, als das sie ihm früher erschienen war, originell, ein Spassvogel, eine Frau, der man selten je ein ernsthaftes Wort abringen konnte, jetzt allerdings hätte sie eine Göttin der Rache abgegeben! Als auf sich selbst bezogenen Macho, als keines Mitgefühls fähig, als Diana unwürdig hatte sie ihn bezeichnet. Er war sich nach ihrer Standpauke kaum mehr als sehr männlich vorgekommen. Nachdenklich bahnte er sich seinen Weg durch die gesichtslose Menschenmenge. Hatten ihm vielleicht seine eigene Verunsicherung, seine Angst vor Verlust, sogar Eifersucht eine Falle bereitet, in welche er offenen Auges gelaufen war? Dianas Frustration? Hatte er sie zu sehr vereinnahmt, sie mit seiner Fürsorge sogar bedrängt, ihr zu wenig Freiraum, zu wenig Luft zum Atmen gelassen? Wusste sie überhaupt, was sie wollte? Hatte nicht sie sogar auf eine gemeinsame Wohnung gedrängt? Vage Ahnung erst und schliesslich Besorgnis, nagende Ungewissheit letztlich, welche ihn wegen dieser unerwarteten Vorwürfe nun bedrängten!

Ihre Frustration, welche da zwischen ihnen stehen sollte? Hatte er Diana denn nie nach den Gründen gefragt? Damals nicht und auch später nicht? Warum auch hatte er sich nie mehr nach ihr erkundigt? Sie wollte es so, musste ihre Gründe gehabt haben. Selbstbewusst und überzeugt, wie er sie kannte! Ihr Entschluss, einmal getroffen, war und blieb unabänderlich. Wie er sie zu kennen glaubte?

Er hatte es tun müssen, lieber heute als morgen! Ein Wisch mit einem unverbindlichen Gruss. Nachdem er die wenigen Erinnerungen und Geschenke der letzten Jahre in einer Tasche vor ihrer Wohnungstüre abgestellt hatte, war für ihn die Beziehung endgültig Vergangenheit gewesen. Endgültig! War sie das? Abgeschlossen, aber auch erledigt? War sie es für ihn, erledigt, und wie stand es in Wirklichkeit um sie? Danach hatte er sie nie gefragt. Nie, wozu auch? Zu eindeutig für ihn; ihre Beziehung hatte keine Chance mehr, war zweifellos von Anfang weg ohne Aussicht auf eine gemeinsame Zukunft gewesen. Viel zu spät hatte er es erkannt. Nur, wie hätte er dies in seiner damaligen Verliebtheit auch nur ahnen können.

Erledigt? War er sich da so sicher, auch jetzt noch? Warum denn musste er sich all die Ungereimtheiten in Dianas Verhalten wieder und wieder vor Augen führen? Musste er sich damit nicht eher selbst bestätigen, dass sie beide keine Zukunft mehr gehabt hätten? Waren seine ungeduldigen Vorbehalte gegenüber Diana nicht Spiegelbilder seiner eigenen Unsicherheit. Gelegentlich konnte er sich jetzt des flüchtigen Gedankens nicht erwehren über seinen eigenen Stolz, seine Verletzung gestolpert zu sein, unfähig sie zu verstehen.

Waren es schliesslich nicht meist schon banalste Erinnerungen, die nun keinen Sinn mehr machten, die ihn aber immer zurückwarfen? Noch und noch und immer wieder waren es bereits unbedeutende Kleinigkeiten, welche ihn unweigerlich dazu brachten sich an alles Gewesene, an sie zu erinnern.

Seine unsinnigen Bedenken! Ganz so unsinnig wohl auch wieder nicht, denn er liebte sie, noch immer. In diesem Punkt, da gab es für ihn keine Zweifel. Selten aber erlaubte er sich solcher Erkenntnis auch ernsthaft nachzuhängen.

Wochen, Monate, mehr als ein Jahr waren seit dem unglücklichen Zusammentreffen mit Dianas Freundin vergangen. Als er damals in die Wohnung zurückgekommen war, standen Chantals Koffer zur Abreise bereit. Ihm war erst da wieder eingefallen, dass sie zu einer Weiterbildung wegfahren musste. Eine Woche! Und er würde, auf sich allein gestellt, all seiner unsinnigen Bangigkeit nicht ausweichen können. Wenigstens würde Chantal ihn nicht nach Gründen für seine unfassbare Zerstreutheit befragen.

Nach dieser einen Woche ohne Chantal ging es ihm vergleichsweise gut. Er hatte seine depressive Nachdenklichkeit weit hinter sich gelassen, freute sich auf Chantals Heimkehr. Wie er sich immer auf sie freute. Er liebte sie, vorbehaltlos. Hatte dies vielleicht schon getan, als Diana für ihn noch sein Ein und Alles war. Er hatte seine neue Wohnungsnachbarin sofort gemocht, als sie kurz nach seinem Einzug mit einer Flasche Sekt in seiner Türe gestanden hatte. Ein unverbindlicher Willkommensgruss. Sie hatten die Flasche sogleich geöffnet. Wäre seine Liebe zu Diana wirklich tragfähig gewesen? Aber was, wenn er ihr immer noch verfallen war? Und Chantal? Hatte Liebe ausschliesslich zu sein oder konnte man seine Liebe teilen? War Liebe zwingend monogam, oder hatte auch eine zweite Beziehung noch ihre Berechtigung? Würde er sich je ganz von Diana lösen können, so wichtig und unersetzlich Chantal ihm auch geworden war?

Als sein bester Freund, ausgerechnet er, ihm Dianas die wenigen Überbleibsel und Erinnerungen gebracht hatte, war sie für ihn endgültig Vergangenheit gewesen. Wie ihm damals schien. Galt das auch heute noch?

Abgeschlossen, aber auch erledigt? Warum erlaubte er sich jetzt noch an der Endgültigkeit zu zweifeln?

Chantal war in sein Leben getreten. Die einstige Wohnungsnachbarin, jetzt lebte sie mit ihm zusammen. Die uneingeschränkte Liebe, welche sie ihm entgegenbrachte, liessen ihm keinen Raum mehr weiter seinem sinnlosen Zweifeln nachzuhängen. Sie stand mit beiden Beinen im Leben, hatte klare Vorstellungen ihrer beider Zukunft und war im Begriff diese auch durchzusetzen. Auch er war sich seiner Liebe für sie sicher.

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Er wusste es, spürte es nun mit Bestimmtheit; sie war unter diesen vielen Wartenden an der Tramhaltestelle. Nur, er konnte Diana erst nicht erspähen. Doch dann trat sie auf ihn zu. Unvermittelt. Bang, als bitte sie um Verzeihung, als flehe sie um Verständnis. Jetzt wieder ihr fragender, ängstlicher Blick. Er ging ihm durch Mark und Bein. Sein hilfloses Entsetzen - wie damals! Er war aufgeschreckt, mitten aus tiefstem Schlaf,  war dann aber bald wieder in seinen bleiernen Schlaf abgetaucht. Es war ihre Hand, welche sich ihm da zwischen den Bettlacken entgegenstreckte. Konnte man an einem verlorenen Traum denn wieder anknüpfen, auch wenn man zwischenzeitlich wach geworden war? War es überhaupt möglich im Traum über Träume nachzusinnen? Wie nur konnte er die eine Liebe endlich vergessen, welche längst Vergangenheit war? Das Meeting damals, mit Freunden. Er wusste mit Bestimmtheit, dass Diana ebenfalls kommen würde. Schliesslich sagte ihm jemand, viele Eisenbahnzüge seien wegen übermässigen Schneefalls ausgefallen, sie würde es wohl nicht mehr schaffen. .

Bloss Träume! An manche konnte er sich nach Jahren noch in allen Einzelheiten erinnern, als wären sie gelebte Realität gewesen. Andere hatte er vergessen, kaum war er aus ihnen erwacht.

Sein Traum heute Nacht, er ging ihm unter die Haut. Er hielt ihn umklammert, als wäre Geträumtes Erlebtes;. Er konnte sich ihm den ganzen Tag nicht entziehen. Immer wieder waren die Schemen der Nacht da, begleiteten ihn überall hin, ihr unerklärlicher Blick, ihre suchende Hand im Traum, seine geträumte Enttäuschung über ihr Ausbleiben. Ihr wortloses Bitten, vielleicht ihre hilflose Hoffnung auf eine Aussprache, die es nie mehr geben sollte.

Mit Mühe bloss konnte er sich auf all das konzentrieren, was vor ihrer morgendlichen Ziviltrauung noch zu erledigen war. Panisch seine Angst, Entscheidendes oder auch nur die oder jene für Chantal so ungemein wichtig scheinende Kleinigkeit zu vergessen.

Morgen also und nur im kleinsten Kreis ihrer unmittelbaren Angehörigen und engsten Freunde! Die eigentliche Hochzeitsfeier, diese war für den Sommer vorgesehen. Sie wollten dann mit all ihren gemeinsamen Bekannten im Seerestaurant ausgiebig feiern. Davon hatte Chantal schon immer geträumt. Und dennoch war da ein Zögern gewesen. Grundlos! Den Gedanken an eine Heirat hatte sie immer wieder von sich geschoben, so sehr er auch in sie gedrängt hatte. Erst das heranwachsende neue Leben, hatte sie vom Sinn einer Eheschliessung wirklich überzeugen können. Ihre Alexandra jedenfalls würde an ihrer Hochzeit mit dabei sein, würde sich aber später niemals des glücklichsten Tages ihrer Eltern erinnern können. Doch da würde es ja Fotos und Filme geben.

Blosse drei Zeilen, höflich, nichtssagend, unverbindlich. Vergeblich hatte er zwischen ihnen zu lesen versucht. Dianas Glückwunschkarte war termingerecht eingetroffen, keinen Tag zu früh!

Und? Ach ja, übrigens! Alexandra würde seinen Namen tragen und zweifellos die wilde schwarze Haarpracht ihrer Mutter.



*pcf 2011

Auf ein Bier


Auf ein Bier

„Man sieht sich! Und wenn Dir mal die Decke auf den Kopf fallen sollte, Du weisst, wo Du uns findest!“ Sie wird ihm auf den Kopf fallen. Und zwar heute Abend schon! Daran zweifelte er keinen Augenblick. Doch das schale Angebot konnte ihn nicht darüber hinwegtrösten, dass nun noch ein weiterer Lebensabschnitt zu Ende gegangen war. Endgültig. Das mit der „Decke“, so hatte er doch jeweils selbst Kollegen vor ihrem Abgang in den Ruhestand getröstet und hatte darüber hinaus die hilflosen Versuche einiger Kollegen mit ansehen müssen. Ihre Besuche auf der Abteilung. Hilflos wirklich, alles sinnlos! Das Rad hatte sich weitergedreht, nach wenigen Wochen schon. Neue Sorgen. Neue Probleme, andere Visionen, zwar unerfüllbar meist, welchen man nachzueifern hatte. Auch die Zusage, man werde bei kritischen Situationen gerne seinen Rat einholen, nichts als leere Versprechungen. Hatte er denn ehemalige Mitarbeitende oder gar seine Vorgänger noch je um Rat gefragt. Vielleicht das ein Grund dafür, warum er so viele und vielleicht auch wertvolle Kontakte längst verloren hatte. Doch nicht nur dies, nein da machte er sich nichts mehr vor, für die Pflege von Kontakten ausserhalb ihrer gemütlichen vier Wände, da war Margarete, seine Frau zuständig gewesen. Nur war ihr völlig unerwarteter und viel zu früher Hinschied in ihrem gemeinsamen Lebensplan nicht vorgesehen gewesen.

Ein ausnehmend warmer Oktoberabend, ein letzter wohl. Er hatte sich draussen auf der Treppe zu seiner Haustür niedergelassen.

Nein, so schnell würde man ihn nicht wiedersehen! In gut einem Jahr, vielleicht, anlässlich des jährlichen Pensionären-Treffens, da würde er sich wohl wieder zeigen.

Nein, das war nun mal bitterer Ernst. Jetzt war er ganz auf sich allein gestellt.

Alle waren sie heute Abend gekommen. Nur Hanna nicht. Er bezog ihr Fernbleiben nicht auf sich. Zu sehr litt sie noch immer darunter, dass man so früh schon keine Verwendung mehr für sie gehabt hatte. Auch ihn hatte man das Jahr, sein letztes, nicht mehr vollenden lassen. Ein Aufschub noch, auf den er so sehr gehofft hatte.

Man sieht sich! Viel zu früh hatten sich heute alle bereits aus dem Staub gemacht, waren zu ihrer Familie, zu Ihren Partnerinnen, zu ihren Geliebten geeilt oder sogar nochmals an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt. Einzig Dieter, sein ehrgeiziger und ungestümer Nachfolger, hatte offensichtlich Mitleid mit ihm empfunden, hatte ihn noch nach Hause gefahren. Sein Angebot auf ein Bier in das nahe Restaurant zu gehen, hatte er jedoch dankend abgelehnt. Da gab es nichts mehr zu besprechen.

Jetzt unvermittelt, allein und auf sich gestellt? Und wenn er die Einsamkeit nicht mehr würde ertragen können, die Decke ihm tatsächlich auf den Kopf fallen würde; er hatte vorgesorgt. Schon längst vor Margaretas Tod, als kein Grund mehr für Hoffnung geblieben war! Die Tabletten, übrig geblieben von Margaretas Pillencocktail, hatte er in der Zwischenzeit umgefüllt in ein neutrales Fläschchen. Die Studentin, welche ihm einmal die Woche im Haushalt zur Hand ging, wäre zu neugierig und wohl auch zu klug gewesen um nicht gleich auch die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Nie hatte er enge Freundschaften gepflegt. Margarete und er, sie beide waren sich selbst genug gewesen. Neben seiner Arbeit, neben Haus und Garten und ihren gelegentlichen Reisen, da blieb kaum viel Raum und Zeit für Weiteres. Und jetzt Hanna, nett, rücksichtsvoll und unterhaltsam, doch auf sie, da konnte er auch nicht zählen. Verständlich, dass sie ausgerechnet jetzt weggefahren war. Ihre Reisen zwar, in den vergangenen zwei Jahren, die zahlreichen Konzert- und Theaterbesuche. Sie beide hatten dennoch nur das eine gemeinsame Ziel gehabt, wollten beide ihrer brutalen Einsamkeit, der gnadenlosen Wirklichkeit entfliehen. Sie verstanden sich prächtig, gewiss, dennoch hatte sich nie Nähe einstellen können. Peinlich war sie auf Abgrenzung und Distanz bedacht, scheute jede Vertraulichkeit, auch die geringste. Ihre Sorge um getrennte Kassen grenzte beinahe schon ans Lächerliche. Nur einmal, da waren sie sich näher gekommen, damals nach fröhlich durchzechter Nacht auf dieser fernen Insel. Traumlandschaften und ewige Nächte. Doch da war sie unvermittelt von der Bank aufgestanden, seiner scheuen Umarmung entflohen, war einige Schritte gegangen und der ganze zaghafte Zauber war wie weggeblasen gewesen.

Und Hanna, sie würde die kommenden Tage bei ihrem Sohn verbringen; die Feier zu dessen rundem Geburtstag musste vorbereitet werden.

Nachdenklich hatte er sich erhoben, hatte die Türe zu seinem stillen Haus geöffnet. Etwas war ihm gleich im Erdgeschoss aufgefallen, erst jetzt wurde ihm dies bewusst. Wie jeden Abend hatte er das untere, viel kleinere Badzimmer für seine Abendtoilette benutzt. Eigentlich gehörte es zu der Einliegerwohnung, die sie nie als solche genutzt hatten. Hatten sie diese doch beim Bau vorgesehen, in der stillen Hoffnung ihr Sohn würde sie dermal einst beziehen. Da hatten sie aber noch nichts von dem schrecklichen Unfall geahnt, waren unternehmungslustig, voller Zuversicht und guter Dinge gewesen.

Ihr viel grösseres Badezimmer hatte er seit Margaretes Tod nicht mehr benutzt, war ihm zu gross, zu sehr mit Erinnerungen erfüllt gewesen.

Heute Abend war der Deckel der Toilette offen gestanden. Margaretes ewiger und von vorneherein verlorener Kampf mit ihm um diesen nutzlosen Deckel. Erst nach ihrem Tod hatte er sich ihrer Aufforderung gebeugt, stur nun, und hatte sich nie mehr eine Nachlässigkeit zugestanden. Doch heute Morgen, da hatte er wohl zu sehr seinen Gedanken nachgehangen.

Die Pfanne, gefüllt mit feiner Gulaschsuppe hatte er erst entdeckt, als er auf seinem Kopfkissen ihren Zettel mit der Aufforderung gefunden hatte noch in der Küche vorbeizugehen. „Und wenn Dir die Decke auf den Kopf fällt“, hatte sie auf den Zettel hinzu gekritzelt, „mein Handy lasse ich nie mehr in der Bahn liegen. Ruf mich an! Jederzeit!“. Der Küchentisch, sorgfältig gedeckt, sogar einen kleinen Blumenstrauss hatte sie dazugestellt. Natürlich hatte er seinen Hausschlüssel von ihr, wenn sie für ein paar Tage nach seinen Blumen gesehen hatte, nie zurückgefordert. Wäre sich lächerlich, kleinlich vorgekommen. Und doch hatte sie seinen Schlüssel bisher nur benutzt, wenn dies so vereinbart und unumgänglich gewesen war. Ihren eigenen Schlüssel hatte  er ihr jeweils unmittelbar nach ihrer Rückkehr zurückgebracht. Nie hätte sie etwas anderes von ihm erwartet.

Erst Tage und zahlreiche besorgte Anrufe Hannas später und auch erst nach ihrer Rückkehr ist ihm aufgefallen, dass das Fläschchen mit den Tabletten zwar noch an seinem alten Ort im Spiegelschrank, aber inzwischen leer da gestanden hat. Er erinnert sich nicht, ihr je davon erzählt zu haben.



*pcf 2011

Der Rote Trierer (2)


Der Rote Trierer (2)

Unablässig prasselte der Regen auf die Markise; sie sei selbstverständlich wetterfest, hatte man ihm versichert. Dann und wann entleerte sich das angesammelte Wasser in einem klatschenden Wassersturz. Gleich nach seiner Rückkehr hatte er sich mit dem ungeöffneten Brief und einem Bier auf den Balkon gesetzt, vorzüglich geschützt in der Einbuchtung des Balkons.

Er hätte die Äste von hier aus beinahe zu greifen vermocht, auch hier oben noch, im zweiten Obergeschoss. So mächtig hatte er einst dagestanden, der Stuttgarter Weinapfelbaum; Roter Trierer nannte man ihn andernorts. Wenn er verbotener Weise hochgeklettert war, damals, hatte sich ihm wohl dieselbe Aussicht geboten wie heute vom umlaufenden Balkon. Der Architekt hatte ihn schliesslich überzeugt, dass auch dieser Baum dem Neubau zu weichen hatte. Und die übrigen Obstbäume waren altersschwach und seit Jahren vernachlässigt gewesen.

Wie schnell doch alles vor sich gegangen war! Ihre Ehe hatte wohl die zahlreichen Stürme überdauert, Schwangerschaften, schlaf- und essunwillige Kleinkinder, Schule später, Pubertäten, so heftig, wie man sie sich kaum vorzustellen wagte, erste Freunde, Schulabschluss und bald darauf Auszug in WG’s an ihren jeweiligen Studienorten. Dennoch war ihre Ehe durch die gemeinsam gemeisterten Widerwärtigkeiten und Herausforderungen nicht gereift. Hatten sie doch kaum je Gelegenheit gefunden für ihre Zweisamkeit. Sein, aber auch ihr beruflicher Werdegang hatten neben der Erziehung immer Oberhand behalten.

Ihre Kinder hatten überflüssig Gewordenes übernommen, soweit ihre räumlichen Gegebenheiten dies zuliessen. Auch Freunde und Bekannte hatten sich nach Lust und Laune umsehen dürfen. Schliesslich hatte das Umzugsunternehmen das Verbliebene in zwei verschiedene Richtungen abtransportiert. Sie waren sich bald einig; da gab es auch für die beiden Rechtsanwälte wenig Aufregendes zu erledigen. Nur ihre Töchter waren fassungslos. Ihm gegenüber jedenfalls verhielten sie sich auch heute, sieben Jahre später, noch immer ausnehmend frostig. Dass Claudia Hals über Kopf wegziehen wollte, in die nahe Stadt, hatte ihn nicht überrascht. Hatte sie dem Landleben doch nie Positives abgewinnen können. Dass ihre beruflichen Möglichkeiten in städtischem Umfeld wesentlich vielversprechender waren, daran hatte auch er keinen Augenblick gezweifelt.

Vier Jahre hatte er sich gegeben an seinem neuen Arbeitsort, mehr nicht. Dies hatte er auch seiner Familie immer wieder klar zu machen versucht. Soweit er sich erinnern vermochte, war auch keiner seiner Vorgänger länger dort beschäftigt gewesen. An der Karrierestrategie des Unternehmens gab es nichts zu rütteln. Wer sich bewährt hatte, musste weiter an einen neuen Unternehmensstandort; wer den Anforderungen nicht genügte wurde irgendwohin in die Zentrale abgeschoben. Familiäre Verpflichtungen zählten nicht. Er hatte all dies gewusst, dennoch überwog schliesslich sein Ehrgeiz. Er hatte auch gewusst, dass nach den vier Jahren eine Rückkehr an seinen ursprünglichen Arbeitsort, in seine und Ihre Heimat nicht zur Debatte gestanden hätte.

Claudias Vorwürfe waren ins Leere gegangen. Glaubhaft hatte er ihr versichern können, dass er von Julias Plänen damals noch nichts gewusst hatte. Sie hatten beide jedoch nahezu zur selben Zeit den Arbeitsort gewechselt. Claudia hatte sich jedoch unwillig all seinen hilflosen Argumenten gegenüber verschlossen und tausend Kilometer waren eine zu grosse Distanz für eine Wochenend- Ehe.  Ihre Zeit war abgelaufen; sie hatten ihre Chance vertan!

Ihre wenigen verbliebenen Angelegenheiten hatten seither die Anwälte stellvertretend übernommen. Nicht einmal Telefonnummer und neue Email- Adresse hatte sie ihm überlassen. Das wenige, was er von Claudia noch wusste, hatte er den spärlichen Nachrichten seiner Töchter entnommen.

Acht Jahre pendelte er nun schon, wenngleich er inzwischen die meisten Wochenenden an seinem Arbeitsort verbrachte. Mit seiner unvermeidlichen Versetzung rechnete er täglich. Den wirtschaftlichen Gegebenheiten hatte er es wohl zu verdanken, dass man ihn noch nicht mit andern Herausforderungen betraut hatte. Zu sehr wurde er vor Ort benötigt. Personalentlassungen folgten auf Neueinstellungen; Teile des Betriebs waren zu schliessen und dann doch wieder zu betreiben. Überall begann es an Ressourcen und Erfahrung zu fehlen. Verunsicherung griff um sich.

Als das Mehrfamilienhaus fertiggestellt war, hatte er die in einer Lagerhalle eingestellten Möbel herbringen lassen und eine der neuen Wohnung bezogen. Julia hatte nicht begreifen wollen, warum er sich von seinem alten Wohnort nicht gänzlich lösen und ganz zu ihr ziehen wollte. Sein Blick schweifte hinüber zu ihrem ehemaligen Wohnhaus. Hell erleuchtete Fenster, gelegentlich Kindergeschrei. Eine junge Familie hatte das Haus übernommen.

Das Wetterleuchten war inzwischen zu einem eigentlichen Gewitter geworden. Ein Blitz schlug unmittelbar in der Nähe ein. Kein Sturm hatte dem Roten Trierer je Ernsthaftes antun können. Dabei wäre er der ideale Blitzableiter gewesen; höher gewachsen als alle Obstbäume in seinem Umfeld. Beinahe hätte er übersehen, dass ihm beim Aufstehen der Brief entglitten war. Absenderlos, auch keine Briefmarke. Wohl persönlich eingeworfen. Erstaunlich, dass er ihm zwischen all der Werbung überhaupt aufgefallen war. Sämtliche Post hatte er seit Jahren umleiten lassen. Zu spärlich seine Wochenenden in der Heimat.

Wie lange sie wohl schon wieder hier wohnte? Warum sie der Stadt wieder den Rücken gekehrt hatte? Ausgerechnet sie? Was hatten ihm seine Töchter verschwiegen? Auf diese und viele weitere drängende Fragen ging sie in ihrem Brief nicht ein.

Ob er sich noch einmal versetzen lassen würde? Brauchte er neue berufliche Herausforderungen noch? Er war sich da nicht mehr ganz so sicher. Zuviel hatte er aufgeben müssen. Er war nun in einem Alter, wo er sich den wohlverdienten, wenn auch vorzeitigen Ruhestand leisten konnte.


*pcf 2011

Der rote Trierer (1)


Der Rote Trierer (1)

Neumond oder bereits wieder Vollmond vorbei; wie sollte er das wissen? Tags arbeitete er, nachts auch, und wenn ihn dann die Müdigkeit übermannte, da waren ihm die Mondphasen mehr als gleichgültig. Längst war vieles um ihn herum bedeutungslos geworden. Auch seine Familie, seine Kinder bereits ausgeflogen und auch Claudia? Ja, auch sie war im nicht mehr sein ein und alles, seine trotz aller Wirrnisse der letzten Jahre von ihm einst vergötterte Ehefrau.

Heute, spätabends, eben zurückgekehrt von seinem neuen Arbeitsort, hatte er den Taxifahrer spontan angewiesen ihn früher abzusetzen, hatte seinen Rollkoffer am Rand des um diese Zeit kaum befahrenen Strässchens abgestellt, war über den Zaun gestiegen und zum einzigen noch stehenden Baum geeilt. Jetzt, ohne Laub, reckten sich der mächtige Stamm und seine Äste wie verloren ins fahle Mondlicht hoch. Der letzte, noch nicht gefällte Baum in dem ehemaligen Obstgarten. Stuttgarter Weinapfel hatten sie ihn genannt; Roter Trierer nannte man ihn andernorts, ein Obstbaum, schon seit Jahrzehnten zu gross, zu mächtig geworden um noch als solcher genutzt zu werden. Herrlich mundende Äpfel, so man sie sofort ass, viel zu rasch verfaulend um als Tafelobst zu dienen. Gelegentlich brach ein Sturm  den einen oder andern Ast weg und konnte dem stolzen Riesen dennoch nichts weiter anhaben. Alle andern Bäume waren bereits gefällt worden und auch seinen Lieblingsbaum sollte in den nächsten Tagen dasselbe Schicksal ereilen. Ein letztes Mal, wohl bald hundertjährig, sollte er vergangenes Jahr, seine stolze Laubkrone getragen haben. Erst viel später, da stand er bereits mitten im Studium,  war ihm bewusst geworden, was ihm dieser Baum in seiner Jugend bedeutet hatte. Man konnte ohne Leiter nicht an ihm hochklettern. Zu hoch setzten die Äste am Stamm erst an. Deshalb war der Baum für ihn auch tabu und ihm das Hochklettern strengstens untersagt gewesen. Was ihn schon bald einmal nicht mehr gekümmert hatte!

War es nur das unabwendbare Schicksal dieses Baums gewesen, was ihn hatte zögern lassen? Was machte es ihm heute so schwer, nach Hause zurückzukehren?  Ausgerechnet heute, an ihrem Jahrestag, Seit weit über zwanzig Jahren hatte sie nie etwas davon abhalten können ihr Jubiläum zu begehen. Doch ihre gemeinsamen Wochenenden waren jetzt unaufhaltsam seltener geworden. Oft hielt ihn die Arbeit zurück und dann samstags lohnte eine Heimkehr kaum noch; am Sonntagmorgen hätte er bereits wieder zurückfahren müssen. Und da war noch das Andere. Das was, er von seiner flüchtigen Beziehung zu Julia niemals erwartet hätte. Nie im Traum hätte er sich ausmalen wollen, dass sie ihm folgen würde. Doch irgendwie hatte sie die Unternehmensleitung zu überzeugen gewusst, dass man auch sie an diesem Standort dringend brauchen würde. Probleme hatten sie dort mehr als genug zu bewältigen. Die kleinen und grossen Krisen waren an dem Unternehmen nicht spurlos vorüber gegangen. Und sie beide waren längst ein eingeschworenes Team; das war innerhalb des Unternehmens kaum jemandem verborgen geblieben. Das sollte nun bedenkenlos ausgenutzt werden-

Nicht dass sie zu ihm gezogen wäre. So etwas hätte er nicht gewollt und sie zweifellos auch nicht. Zu jung, zu unschuldig und vor allem zu unerfahren kam ihm ihre Beziehung vor, als dass er eine engere Bindung, eine neue Abhängigkeit gesucht hätte. Und doch war das Verbotene mächtiger als alle Vorsicht und Rücksichtnahme. Das Verbotene, das ihn immer zu locken vermocht hatte, unbezwingbare Versuchung, wie dieser Baum während seiner von Ablösung geprägten Jugendjahre.

Erst jetzt fiel ihm auf, dass das nahe Haus unbeleuchtet war, nicht einmal Licht im Flur. Niemand schien ihn zu erwarten. Dabei hatte ihr doch bereits gestern Mittag ausrichten lassen, dass er es nicht schaffen würde zum vereinbarten Ausflug zurück zu sein. Trotz ihres Jubiläums; wie sie dies wohl hingenommen hatte?.




*pcf 2011

Jenseits des Ozeans

Jenseits des Ozeans 

Die Kinder eilten frühmorgens zwar weiterhin zur Schule, hatten wie schon immer ihre Pausenbrote vergessen, so ihre Mütter dazu überhaupt Zeit gefunden hatten, welche zuzubereiten. Der Berufsverkehr pulsierte. Zeitungen wurden vertragen, alles wie jeden Morgen…
Doch sonst war nach dieser langen, vor den Fernsehern durchwachten Nacht nichts mehr wie sonst.
Gewiss, das Unglaubliche, was doch niemand auch nur hatte ahnen können war ja weit weg geschehen. Tausende Tode. Weit weg. Jenseits des grossen Ozeans. Aber waren ja auch vollkommen andere Umstände in diesem fernen, oft missgünstig  beobachteten Land. Nicht zu vergleichen!
Dort aber griff Panik um sich, Schuldige wurden gesucht, Drahtzieher in den eigenen Reihen vermutet. Die Politik tadelte eine Regierung, welche alle Vorzeichen fahrlässig in den Wind geschlagen hatte. Diese reagierte ihrerseits mit drakonischen Massnahmen. Auf der Stelle massregelte die Presse deren Unzulänglichkeit , die Politik zog nach, die Schlaufe zog sich zu in diesem eben noch so freiheitsliebenden, modernen Land. Ausnahmezustand, Schikanen errichtet sogar für die eigenen Bürger. Alles bloss vorübergehend. Dieses Land, bestauntes, bewundertes und vorbehaltlos nachgeahmtes Vorbild für Generationen, hatte über Nacht seine eigene Unschuld verloren. Die Regierung misstraute von nun an ihren Bürgern; unterschwellig schon immer vorhandene Vorbehalte gegen Fremdes und gegen Fremde wucherten in diesem traditionellen Einwandererland ins Uferlose. Eigenverantwortung wurde unversehens mit Füssen getreten, Misstrauen geschürt, die Presse zensuriert. Alles bloss vorübergehend. Doch die Schraube hatte zu drehen begonnen; die Entwicklung liess sich nicht  mehr aufhalten, griff nun auf die umgebenden Länder über und machte auch vor dem Ozean nicht Halt. Freiheitliches Denken und Vertrauen, Toleranz und Zuversicht waren ängstlicher Vorsorge gewichen, binnen Wochen weltweit. Menschen misstrauten ihren Nachbarn, Staaten andern Staaten. Daten- und Persönlichkeitsschutz mit Füssen getreten, schamlos, vorbehaltlos, gnadenlos, länderübergreifend. Der gläserne Mensch, der Staat allwissend und allmächtig, von Weitsichtigen seit jeher prophezeit, war Wirklichkeit geworden.  Big Brother... lässt grüssen.

*pcf 2011